Neues aus dem Archiv

Günter Herz -

Geschichten hinter der Karteikarte

Günter Herz
um 1940
© Yad Vashem Archive collection

 

geboren am 28.2.1919 in Hamburg-Altona

ermordet am 31.03.1944 in Auschwitz

Schüler des Grunewald-Gymnasiums von 1931-33

 

Auf den vielen Hundert Karteikarten, die für jede Schülerin und jeden Schüler des Grunewald-Gymnasiums und des Walther Rathenau-Gymnasiums angelegt und im Schularchiv aufbewahrt werden, findet sich selten eine persönliche Bemerkung. Aber oft, wenn man bei der Archivarbeit mit diesen Karten zu tun hat, fragt man sich, was für eine Lebensgeschichte sich dahinter verbirgt.

Auf der Rückseite der Karte von Günter Herz ist ein handschriftlicher Vermerk: „Nach Auskunft der Schwester über Professor Bendix: in Auschwitz umgebracht.“ Ein weiterer Zusatz besagt: „Vater: Bürgermeister von Kreuzberg“

Nach unserer Kenntnis waren es nur wenige jüdische Schülerinnen und Schüler des Grunewald-Gymnasiums, die im Holocaust ermordet wurden. Die meisten konnten rechtzeitig emigrieren und überlebten. Von denen, die sich nicht retten konnten, wissen wir nur, wenn andere über sie berichtet haben. So verfasste zum Beispiel Renate Alsberg einen Bericht über das Leben ihrer in Auschwitz ermordeten Freundin Marie Luise Marx.  In seinen Erinnerungen schrieb Peter Prager über seinen in Auschwitz getöteten Klassenkameraden Hans Goldmann. Schließlich gab Hilde Wechsler geborene Herz der Schule Nachricht über den Tod ihres Bruders Günter in Auschwitz.

Viele Informationen zu Günter Herz habe ich nicht gefunden: die bereits erwähnte Karteikarte des Gymnasiums, Eintragungen in Datenbank und Gedenkblättern von Yad Vashem sowie einige Bemerkungen seiner Schwester in einer Monographie über ihren Vater Carl Herz, den ehemaligen Bürgermeister von Kreuzberg. In den Gesprächen, die der Historiker Christian Hanke in den 90er Jahren mit Hilde Wechsler, der damals in Haifa lebenden, inzwischen verstorbenen Schwester von Günter führte, ging es vor allem um den Vater Carl Herz, sein oft spannungsreiches Leben, seine theoretische Position zum Sozialismus und seine praktische Tätigkeit als Politiker. Dabei erwähnte Hilde Wechsler immer wieder das Privatleben der Familie, das auch ihren Bruder Günter einschloss. Nur an wenigen Stellen sprach sie explizit von ihm. Ein geschlossener Lebenslauf, eine eigentliche Geschichte ergibt sich daraus nicht. Und wie so oft in Recherchen verweisen viele Details auf weitere Leerstellen, die mehr Fragen stellen als Antworten geben.

Wegen ihrer außergewöhnlichen und doch zeittypischen Biographien beginne ich mit den Eltern, dem Politiker Carl Herz und seiner Ehefrau Else. Diese Informationen zur Familie Herz entnehme ich der Monographie von Christian Hanke.  

Carl Herz, von jüdischer Herkunft, wurde am 29.07.1877 in Köthen/Sachsen geboren.  Als promovierter Jurist arbeitete er zunächst als Anwalt und Notar, bis er sich in Altona, einem Stadtteil von Hamburg, in der Kommunalpolitik einen Namen als streitbarer linker Sozialdemokrat machte.

1910 lernte Carl Herz die Studentin Else Goldschmidt kennen. Sie wurde 1882 in Hamburg geboren und wuchs in einer angesehenen jüdischen Familie auf, zu deren Vorfahren z. B. Henriette Hertz gehörte.  Als eine der beiden ersten Studentinnen der Universität Kiel war sie für Germanistik und Philosophie eingeschrieben. Carl Herz und Else heirateten noch im Jahr des Kennenlernens. August Bebel soll als erster Gratulant dem frisch vermählten Paar kurz nach der Hochzeit seine Aufwartung gemacht haben.  Else Herz war schon damals eine emanzipierte Frau, die in den 1920er Jahren eigene berufliche und intellektuelle Wege ging.

Die drei Kinder wurden noch in Altona geboren, Hilde 1912, Gerhard 1914 und Günter 1917. 1921 zog die Familie nach Berlin-Spandau, wo Carl Herz als Zweiter Bezirksbürgermeister für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen zuständig war. Die Familie lebte in einer komfortablen Wohnung in dem bürgerlichen Viertel am Stresowplatz 16 a. Else Herz engagierte sich im sozialen Bereich. Sie gründete mit zwei Freundinnen den ersten nicht kirchlichen Kindergarten Spandaus.

Stele von Carl Herz vor dem Kreuzberger Rathaus
eigene Aufnahme

 

1926 wurde Carl Herz mit den Stimmen von SPD und KPD zum Bezirksbürgermeister in Kreuzberg gewählt, einem Bezirk mit einem hohen Anteil an Arbeitern. Wie bereits in Spandau galt seine besondere Aufmerksamkeit der Entbürokratisierung der Verwaltung und einer besseren Versorgung der Bedürftigen im Gesundheitswesen.

Auch Else Herz blieb ihren sozialen Aufgaben treu, aber in erster Linie beschäftigte sie sich intensiv mit der Psychologie Alfred Adlers, den sie persönlich kannte.  Adler verkehrte oft im Haus Herz, auch wenn Carl Herz das Interesse seiner Frau an der Psychologie nicht teilte. 1931 zog die Familie von Spandau nach Charlottenburg in die Schlüterstraße 28, in eine größere und schönere Wohnung. Für den Sohn Günter Herz war nun das in bürgerlichen Kreisen renommierte Grunewald – Gymnasium die geeignete, auch naheliegende Schule. Günter trat 1931 in die Untertertia ein.  

Leider ist über die Schulzeit von Günter nichts bekannt. Aber über das Familienleben hat die Schwester Hilde Wechsler ausführlich berichtet. Der sehr beschäftigte Vater hatte nur wenig Zeit für die Familie. „Wir hatten oft das Gefühl. dass wir stören, er hat das gefühlt, und da er ein sehr warmer Mensch war, war das schwer für ihn“. Für die wichtigen Dinge war er zwar immer da, aber als Helfer bei den Schularbeiten war er zu ungeduldig, so dass die Mutter eher zu Rate gezogen wurde. Aber auch Else Herz hatte wenig Zeit, denn wegen ihres Engagements für Adlers Psychologie war sie abends häufig unterwegs. Als Entschädigung fanden die Kinder oft irgendwelche Schokoladensachen, versehen mit einem Knittelvers.

 Geld für Bücher zum Lernen und zur Weiterbildung bekamen die Kinder Herz von den Eltern, nicht aber für ihre Hobbies.  So musste Hilde sich mit Nachhilfestunden ihre Theaterbesuche selbst verdienen.

Schon früh fanden die drei Kinder Herz Interesse an der Politik, was Anlass zu heftigen Diskussionen im Familienkreis gab, denn sie waren radikaler als der Vater. Günter Herz, der jüngste, tat sich, laut seiner Schwester, bei den Gesprächen in der Familie durch besonders temperamentvolle Äußerungen hervor. Alle drei sympathisierten mit der 1931 gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), die links der SPD stand. Die beiden älteren, Hilde und Gerhard, engagierten sich in sozialistischen Jugendorganisationen.

 Jüdische Rituale und Feiertage wurden in der Familie nicht gepflegt. Weihnachten war ein Familienfest mit Tannenbaum.  Erst nach Anregungen von Bekannten begannen die beiden älteren Kinder Hilde und Gerhard sich Anfang der 1930er Jahre immer mehr für das Judentum zu interessieren und begeisterten sich für den Zionismus. Entweder Zionismus oder Sozialismus, das war für viele jüdische Jugendliche der damaligen Zeit eine gängige Alternative.  Hilde, die lange zwischen beiden Strömungen schwankte, wandte sich wie auch ihr Bruder Gerhard unter dem Druck der Ereignisse von 1933 schließlich dem Zionismus zu, den der Vater Carl Herz aber ablehnte. Über Günters Haltung ist nichts bekannt, aber vermutlich teilte er die Neigung seiner Geschwister nicht.

Die Machtergreifung Hitlers 1933 bedeutete nicht nur das Ende der politischen Laufbahn von Carl Herz, sondern auch des harmonischen Familienlebens, das uns so modern anmutet. Schon vor 1933 war Carl Herz in Konflikt mit den Nationalsozialisten geraten, die seit 1929 drei Abgeordnete in der Bezirksversammlung von Kreuzberg stellten.  Nach dem 30. Januar 1933 war er als Jude und linker Sozialdemokrat gleich zweifach für die Schikanen der Nazis prädestiniert. In der Nacht vom 7. auf den 8. März wurde er telefonisch von einer bevorstehenden Aktion der SA gewarnt. Der Bürgermeister Herz versah trotzdem in den kommenden Tagen pflichtbewusst seinen Dienst. Erst am 12. März schlug die SA zu: Braunhemden drangen in das Bezirksamt ein, schleppten Herz in den Hof, zwangen ihn, den Hitlergruß zu leisten, brachten ihn in eine Volksküche, wo sie ihm einen Löffel mit Suppe in den Hals stießen, um ihn dann in die nah gelegene Marheineke-Markthalle zu treiben. Die Standbesitzer waren mehrheitlich NSDAP-Mitglieder. Hier wurde Herz als „Bonze“ vorgestellt, der jetzt abgewirtschaftet habe. Doch selbst den Standbesitzern, gefiel das Spektakel nicht, wie ein Zeitzeuge, der hier verkaufte, berichtete. Gerettet wurde Herz durch einen Polizisten, den Reviervorsteher, der die Herausgabe von Herz verlangte, um ihn in „Schutzhaft“ zu nehmen, die in diesem Fall wirklich Schutz bedeutete. Noch ließen sich die braunen Schläger von der regulären Ordnungsmacht beeindrucken. Sie übergaben Herz dem Polizisten, der ihn kurz darauf frei ließ.

Dieser 12. März veränderte das Leben der Familie. In den folgenden Tagen wurden die Kinder bei Bekannten untergebracht. Hilde übernachtete bei einer Freundin gegenüber der alten Wohnung. Wo war wohl Günter untergebracht? Vielleicht bei einem Freund aus dem Grunewald-Gymnasium?

Trotz des lebensbedrohlichen Vorfalls vom März 1933 gab Carl Herz seinen Glauben an demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien in Deutschland nicht auf. Gegen seine Amtsenthebung legte er Beschwerde ein. Doch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 schuf die nach NS-Recht gültige Grundlage seiner Entlassung.

Auf Drängen der Mutter Else Herz zog die Familie aus ihrer Wohnung in der Schlüterstraße in eine Zweizimmer-Hinterhofwohnung in die Nestorstraße 54 in Halensee, um weniger sichtbar zu sein. Die dramatischen Ereignisse vom März 1933 prägten die Kinder Herz. Hilde emigrierte am 9. Mai nach England. Dort lebte eine vermögende und einflussreiche Tante, die Schwester der Mutter, Alide Gollancz, Witwe des 1930 verstorbenen Sir Israel Gollancz, Professor für Literatur am Kings College.

Günter floh knapp drei Monate später nach Holland. Das bestätigt die Karteikarte des Grunewald-Gymnasiums, die den 21. Juli 1933 als seinen Schulaustritt nennt.

Ein Abmeldebrief liegt nicht vor. Auch ist Günter Herz nicht auf einer der sogenannten „Schwarzen Listen“, die die jüdischen Schüler kategorisierten, zu finden. Er wurde aber mit Sicherheit als „Jude“ erfasst.  Zum Zeitpunkt seines Schulaustritts ist Günter 16 Jahre alt. Als Abgangsziel wird „Beruf“ genannt mit Fragezeichen, das wiederum durchgestrichen ist.

Sein ältere Bruder Gerhard reiste 1935 nach Palästina aus. Hier wohnte bereits seit 1924 ein Bruder des Vaters Carl Herz, Georg Herz-Shikmoni. Auch Hilde übersiedelte bald von London nach Palästina. Da sie vorher noch Station in Holland machte, traf sie vermutlich dort ihren jüngsten Bruder Günter.  

Die Eltern Herz blieben noch bis 1939 in Berlin. Carl Herz vertrat als Anwalt verfolgte jüdische Mitbürger und verdiente so einen kümmerlichen Lebensunterhalt. Er gab die Hoffnung nicht auf, dass sich die nationalsozialistische Regierung doch noch für seine Ideen zur Selbstverwaltung interessieren könnte.  Die Emigration nach England, zu der ihn die Familie drängte, lehnte er ab, weil er sich nicht von seiner reichen Schwägerin aushalten lassen wollte.

Erst die Reichspogromnacht 1938 veranlasste das Ehepaar Herz die Einladung der Schwester von Else Herz, Lady Gollancz, anzunehmen und im April 1939 zu ihr nach London zu kommen.

In London führte Carl Herz das Leben eines politisch aktiven Emigranten. Im Laufe des 2.Weltkriegs wurden die Eltern Herz 1940 als „feindliche Ausländer“ interniert, aber schon 1941 auf Drängen von Freunden aus der Labour-Party, die sich für die beiden als Hitler-Gegner verbürgten, entlassen.

Das Emigrantendasein war für Carl Herz nicht einfach. Else Herz arrangierte sich – wie so viele Emigrantenfrauen –  deutlich besser. Herz litt darunter von seiner reichen Schwägerin abhängig zu sein. Auch passte der konservative Lebensstil von Lady Gollancz, die dem orthodoxen Judentum zuneigte, nicht zu dem eher unkonventionellen Lebensstil, den die Familie in Berlin gepflegt hatte. Ein Umzug in eine eigene Wohnung schaffte für das Ehepaar schließlich eine Entlastung. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs emigrierten Else und Carl Herz 1946 nach Palästina, wo sie mit ihren beiden Kindern Hilde und Gerhard zusammentrafen.

Warum hat Günter Holland als Exil gewählt, wo doch die Schwester und später auch die Eltern nach London gingen, wo er vermutlich auch Unterstützung erfahren hätte?

 Über die Motive Günters zur Emigration nach Holland können wir nur rätseln. Tatsache ist, dass die Niederlande als neutrales Nachbarland zunächst günstige Bedingungen für die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge boten. Aber wie kommt ein erst 16jähriger dazu, sich hier allein niederzulassen?  Waren es politische oder andere Freunde, denen er sich anschloss?  Hatte er hier eine Chance für eine berufliche Ausbildung?

 Bekannt ist, dass Günter tatsächlich, wie auf der Karteikarte vermerkt, einen handwerklichen Beruf in Holland erlernte. Er wurde nach zweijähriger Ausbildung Elektriker.  In Amsterdam heiratete er Lieselotte Doris Neustadt, eine 1915 in Berlin geborene Jüdin. Das Datum der Hochzeit ist nicht bekannt. Kannte Günter die zwei Jahre ältere Lieselotte schon in Berlin oder lernten sie sich erst in den Niederlanden kennen?  War Lieselotte der Grund, warum er den Geschwistern nicht nach Palästina folgte? Praktische Berufe, einen solchen hatte Günter erlernt, konnte man dort gut gebrauchen.

Ganz entfremdet war Günter seiner Familie sicher nicht, denn er lagerte die Bücher seines Vaters in Amsterdam ein, als dieser nach England emigrierte.  So konnte Carl Herz nach 1945 einen Teil seiner Bibliothek nach Palästina bringen. Möglich und wahrscheinlich ist, dass Günter und Lieselotte sich in Amsterdam ein eigenes Leben mit Beruf und Wohnung aufgebaut hatten und vor dem Kriegsbeginn nicht die Notwendigkeit einer weiteren Emigration nach Palästina sahen, zumal Günter der zionistischen Bewegung offenbar nicht nahestand.

In den Niederlanden konnte er sich jahrelang wie viele andere Emigranten sicher fühlen. Erst nach dem Überfall durch die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 änderte sich die Lage, als die Besatzer immer schärfere antijüdische Maßnahmen ergriffen. 107 000 der 140 000 in den Niederlanden lebenden jüdischen Männern, Frauen und Kindern wurden in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert,  mindestens 102 000  wurden getötet.  Günter und Lieselotte Herz wurden in das Lager Vugt, später nach Westernbork und von dort nach Auschwitz-Birkenau gebracht, wo Lieselotte am 19.11. 1943 und Günter am 31.3. 1944 ermordet wurden.

Carl Herz starb 1951 in Haifa, seine Frau Else 1968 in Tel Aviv. Beide kamen nicht mehr nach Deutschland.  Carl Herz war enttäuscht, weil nach 45 ihn kein Ruf aus Berlin für ein Bürgermeisteramt ereilte. Else Herz lehnte die Rückkehr kategorisch ab. Sie wollte nicht zwischen Menschen leben, von denen viele den Mord an sechs Millionen Juden, gebilligt, gutgeheißen oder selbst durchgeführt hatten. Eines der Opfer war Günter, ihr eigener Sohn.

Zurück zur Karteikarte und ihrer Rückseite:

Professor Reinhard Bendix (1916-1991) hat die Schule über die Ermordung von Günter Herz informiert. Er hat 1933 mit 17 Jahren ebenfalls das Grunewald-Gymnasium wegen seiner jüdischen Herkunft verlassen müssen. Am 15. August 1933 meldete ihn seine Mutter ab. Sein Vater, ein Anwalt in Kreuzberg, war bereits verhaftet worden. Deshalb hatte Reinhard beim Morgenappell in der Schule den Hitlergruß verweigert. Für dieses Zeichen des Protestes erwartete er Verständnis bei seinem Klassenlehrer, der ihn aber zurückwies. Tief enttäuscht verließ er die Schule. Nach der zweiten Verhaftung des Vaters emigrierte die Familie 1937 nach Palästina. Der Sohn reiste 1938 weiter in die USA, um Soziologie an der Universität von Chicago zu studieren. Seine Jahre am Grunewald-Gymnasium, wo er kein Abitur machen durfte, wurden ihm als High School Abschluss anerkannt – eine kleine Entschädigung für die Demütigungen, die er an dieser Schule erlitten hatte, wie er in seiner Autobiographie schreibt. Mit einer Professur an der Universität Berkeley stieg er in den Rang eines weltweit bekannten Soziologen auf.

1987/88 war er Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin, nur einen Katzensprung entfernt von seiner ehemaligen Schule, dem heutigen Rathenau-Gymnasium. Vermutlich hat er Hilde Wechsler, geb. Herz, in dieser Zeit in Berlin getroffen und sie hat ihn über das Schicksal ihres Bruders Günter informiert, was er an die Rathenau-Schule weitergab. Die beiden waren Schul-, nicht Klassenkameraden, wie Hilde vermutete.

Hilde Wechsler war mehrfach in Begleitung ihrer Tochter in Berlin. Zu Gedenkveranstaltungen für ihren Vater wurde sie vom Bezirksamt Kreuzberg eingeladen.  Bei der Eröffnung der Ausstellung „Juden in Kreuzberg“, die von Oktober bis Dezember 1991 in Berlin stattfand, war Reinhard Bendix bereits tot. Er starb am 26. Februar 1991 und konnte nicht mehr erleben, wie sein Vater geehrt wurde. Das Leben des Rechtsanwalts Ludwig Bendix und des Bürgermeisters Carl Herz wurde in dieser Ausstellung ausführlich dokumentiert und beiden ist ein Kapitel im Katalog der Ausstellung gewidmet.

Carl Herz fand posthum noch weitere Beachtung und Ehrung als Politiker, die ihm zu Lebzeiten verwehrt blieb.  Nach ihm ist das Carl Herz-Ufer in Kreuzberg benannt.  Eine Stele vor dem Kreuzberger Rathaus trägt sein Konterfei.

So führt die Karteikarte von Günter Herz nicht nur zu einem Teil seiner eigenen Geschichte, sondern auch zu der seiner Familie und der von Reinhard Bendix.  Dabei enthüllen sich unterschiedliche Schicksale, die auf ihre Weise typisch für viele Emigranten waren.  

Junge Juden und Jüdinnen schufen sich in der Regel außerhalb von Deutschland trotz mancher Mühen und Entbehrungen ein neues Zuhause mit Beruf und Familie wie Hilde Wechsler, die Schwester von Günter. Manche nutzten in ihrer neuen Heimat erfolgreich die Aufstiegschancen, die sich ihnen boten, gelangten in einflussreichen Positionen und erreichten höchstes Ansehen wie Reinhard Bendix. Ältere Emigranten jedoch, gewohnt an Einfluss und Erfolg, fanden oft nicht den Anschluss in ihrer neuen Welt wie zum Beispiel Carl Herz. Eine Rückkehr nach Deutschland stellte für viele auch nach 1945 keine Option dar.

Vor dem Hintergrund dieser Recherche zeichnet sich die Tragik des Lebens von Günter Herz und seiner Frau ab. Trotz einer zunächst geglückten Emigration wurden Deportation, Zwangsarbeit und gewaltsamer Tod ihr trauriges und empörendes Schicksal. 

Gertrud Fischer-Sabrow,
ehemalige Fachbereichsleiterin Fremdsprachen, jetzt Mitarbeiterin im Schularchiv

 

Quellen und Literatur

Zentrale Datenbank der Namen Holocaustopfer,  Yad Vashem

Gedenkblätter der Holocaustopfer, Yad Vashem (für Günter Herz und seine Frau 1982 von Hilde Wechsler ausgefüllt)

Gedenkbuch „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945“ des Bundesarchivs.

Reinhard Bendix, Von Berlin nach Berkeley. Deutsch-jüdische Identitäten. Frankfurt am Main 1985

Christian Hanke, Selbstverwaltung und Sozialismus. Carl Herz, ein Sozialdemokrat, Hamburg 2006 

Juden in Kreuzberg: Fundstücke, Fragmente, Erinnerungen; Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 18. Oktober bis 29. Dezember 1991 im Kreuzberg-Museum, Berlin 1991

 

 

Hinweis zur Schulleitung des Grunewald-Gymnasiums
im Nationalsozialismus

(heute Walther-Rathenau-Gymnasium)

 
Seit kurzem befindet sich ein Hinweis in der Bildergalerie der früheren Schulleiterin und Schulleiter im Vorraum der Aula, um die Lücke in der Zeit von 1933-1945 zu erklären.
 
 
Der Text lautet:
 
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurde auch das Grunewald-Gymnasium „gleichgeschaltet“ und der liberale Schulleiter und Reformpädagoge Dr. Wilhelm Vilmar in den Ruhestand versetzt, da er die nach der Brüningschen Notverordnung gültige Altersgrenze erreicht hatte. Er schied am 31. 3. 1933 schweren Herzens aus seinem Amt.
„Humanität können wir uns nicht leisten“ war jetzt die Devise, die der kurzzeitig eingesetzte kommissarischer Schulleiter Heinz Hempel verkündete. Sein Nachfolger, Wilhelm Waldvogel (1890-1973), ein überzeugter Nationalsozialist und Parteigenosse, leitete die Schule bis 1945.
 
 
Im September 2019
Gertrud Fischer-Sabrow
(frühere Studiendirektorin am Walther-Rathenau-Gymnasium,
jetzt Mitarbeiterin im Schularchiv)

 

 

Hans Goldmann (1922-1943)

Von der Villa in Dahlem über die Zwangsarbeit bei Siemens in den Tod in Auschwitz
Das kurze Leben von Hans Goldmann (1922-1943), Schüler des Grunewald-Gymnasiums von 1933-1938

Klassenfoto mit Hans Goldmann von 1937: 1. Reihe, zweiter von links

Stolperstein Hans Goldmann vor dem Haus Schellendorfstraße 31

 

Die Arbeit im Archiv unserer Schule führt oft zu Entdeckungen, die  zu einer weiteren Spurensuche in andere Archive führen. Ein Ergebnis ist die Recherche zu Hans Goldmann, dessen Tod in Auschwitz 1943 exemplarisch Judenverfolgung und Holocaust im Rahmen der Schulgeschichte näher bringen kann. Mehr erfahren Sie hier!

Gertrud Fischer-Sabrow

 

November 2016

Zum 100jährigen Geburtstag von Marie-Luise Marx, ermordet 1943 in Auschwitz

Bevor das Jahr 2016 zu Ende geht,  noch im November, wenn viele von uns am Jahrestag der Pogromnacht am Schweigemarsch zum S-Bahnhof Grunewald, dem Ort der Deportation vieler Berliner Juden, teilnehmen, möchte ich an den 100jährigen Geburtstag von Marie Luise Marx, einer Schülerin des Grunewald-Gymnasiums,  erinnern, deren tragisches Schicksal weitgehend unbekannt ist. Während die meisten der  jüdischen Schülerinnen und Schüler, die  1933 die Schule verlassen mussten, dank Geld und Weitblick ihrer Eltern rechtzeitig emigrieren konnten,  im Ausland ihre Ausbildung fortsetzten,  anspruchsvolle  Berufe fanden, Familien gründeten und oft beachtliche Karrieren machten,  sind diejenigen, die von den Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern ermordet wurden, eher unbekannt geblieben. Geschichte wird von den Überlebenden geschrieben, Tote haben keine Stimme. Es sei denn, sie wird ihnen verliehen, wie Renate Alsberg es für ihre Freundin Marie-Luise, genannt „Loulou“, gemacht hat.
Ich gebe im Folgenden die Ausführungen von Renate Alsberg Hunter wieder, die sie 1987 für Ronney Harlow aufgeschrieben hat, der die Berichte emigrierter Schülerinnen und Schüler des Grunewald-Gymnasiums unter dem Titel „Their own lifes“ gesammelt hat. Ein Exemplar dieser hektographierten Broschüre befindet sich im Archiv des Walther Rathenau-Gymnasiums.



Marie Luise Marx um 1935


Marie-Luise wurde 1916 in Berlin geboren. Die Familie, der Vater war Deutscher, die Mutter Französin, wohnte nach dem Ende  des Ersten Weltkriegs in Berlin-Dahlem. Marie-Luise besuchte zunächst das Bismarck-Lyzeum (heute Hildegard Wegscheider Gymnasium), dann ab 1931 das Grunewald-Gymnasium, das als Jungenschule einen ausgezeichneten Ruf besaß und auch  Mädchen aufnahm. 1931 waren unter 700 Jungen 7 Mädchen auf der Schule.

Das Grunewald-Gymnasium in den frühen 30ern des letzten Jahrhunderts

 

1933 musste Marie-Luise gemäß den neuen rassistischen Bestimmungen wie die meisten anderen jüdischen Schülerinnen und Schüler, darunter auch ihre Freundin Renate  Alsberg,  das Grunewald – Gymnasium verlassen. Sie ging nach Frankreich, wo die Familie ihrer Mutter lebte und nahm die französische Staatsbürgerschaft ihrer Mutter an. Bei ihrer Schwester, die in Paris mit einem französischen Filmregisseur verheiratet war, kam Marie-Luise unter,  machte eine Ausbildung zur Fotografin und übte ihren Beruf erfolgreich aus.
Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Frankreich änderte 1940 die Situation für alle Emigranten. Zunächst entgingen  Marie-Luise und ihre Familie dem Zugriff der  französischen Behörden, die sie wegen ihrer französischen Pässe nicht wie z.B. ihre Freundin Renate Alsberg zur feindlichen Ausländerin erklären und internieren konnten.  Marie Luises Mutter beharrte in dem  Glauben,  die französische Staatbürgerschaft sei eine Garantie für Sicherheit, auch nach der deutschen Okkupation der bis November 1942 unbesetzten Zone, in der die Familie Marx sich aufhielt.  Alle Warnungen schlug sie in den Wind.  Renate Alsbergs Schwiegervater schlug  in einem Brief Mutter und Tochter Marx vor, zu ihm nach Lissabon zu kommen, um von dort weiter auszuwandern, so wie es Renate bereits gemacht hatte.  Marie-Luises Schwester Evy und ihre Familie verschafften sich neue Papiere, die ihre jüdische Identität nicht verrieten, und drängten Marie Luise und ihre Mutter desgleichen zu tun. Von all dem wollte Marie-Luises Mutter  nichts wissen. Sie wollte nicht in ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht verstand.  Als Französin fühlte sie sich sicher und sie meinte, in Kriegszeiten müsste die Familie zusammenbleiben.
 Am 12. September  1943 wurden Marie-Luise und ihre Mutter in Nizza von der Gestapo abgeholt und  in das Internierungslager Drancy nördlich von Paris gebracht. Die Mutter war  überzeugt, dass alles ein Missverständnis sei und sie bald wieder frei gelassen würden, wie sie der Tochter Evy  in zwei kurzen aus dem Lager geschmuggelten Nachrichten mitteilte. Doch nach wenigen Wochen in Drancy wurden Marie Luise und die Mutter nach Auschwitz deportiert, wo beide nach amtlichen Akten  im Dezember 1944 in der Gaskammer umgebracht wurden.
Renate Alsbergs Bericht endet  mit folgenden Worten: „Seit ich kurz nach der Befreiung Frankreichs hörte, dass Loulou umgebracht worden war, werde ich von den Vorstellungen ihres schrecklichen Todes verfolgt. Ich schätze, dass ihre Biographie einen Misston in deine Sammlung von glücklichen Lebensläufen bringt …. Unglücklicherweise gibt es noch viele andere, die viel zu jung starben…. Aber ach, es wird denen kein Trost gegeben, deren Liebste im Holocaust starben.“

Gertrud Fischer-Sabrow
 

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